Wahlkampfstratege trifft Oberbürgermeister

Am 4. Februar 2018 schaffte Stefan Belz die Sensation: Nach einem sehr engagierten Wahlkampf gewann er die Wahl zum Oberbürgermeister seiner Heimatstadt Böblingen im ersten Wahlgang mit 51,3 % gegen den Amtsinhaber der CDU. Er ist jetzt einer von drei grünen Oberbürgermeistern in Baden-Württemberg – und das im konservativen Böblingen. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt berichtet der promovierte Luft- und Raumfahrttechniker bei “Brockmann trifft…”, wie ihm diese Sensation gelungen ist, welche die Erfolgsfaktoren in seinem Wahlkampf waren und wie sein erstes Jahr an der Rathausspitze von Böblingen verlaufen ist.

„Es gibt einen Grund, warum ich das Format ‚Brockmann trifft…‘ ins Leben gerufen habe,“ steigt Lorenz Brockmann ein, „nämlich um mich mit dir, lieber Stefan, endlich einmal wieder zum Plaudern zusammenzusetzen.“ Denn der Terminkalender des Oberbürgermeister ist noch voller, als der des Buchautors, Wahlkampfstrategen und Rhetorik-Trainers. Hin und wieder kann er sich aber doch eine Woche freischaufeln, so wie Ende April, als er nach Florida reiste um auf dem Gelände des Kennedy Space Centers den Start einer Rakete zu beobachten, die ein von ihm konzipiertes Experiment zur Sauerstoffgewinnung und Nahrungsmittelerzeugung durch Algen zur Internationalen Raumstation ISS bringen sollte.

Daran forschte der Luft- und Raumfahrttechniker, bevor er ins Böblinger Rathaus einzog. Nun, der Raketenstart wurde verschoben – „Es gibt nichts zuverlässigeres als Verspätungen bei Raketenstarts.“, scherzte Stefan Belz – doch der Oberbürgermeister konnte seinen Aufenthalt nicht verlängern, da er zum Maibaumstellen wieder zurück in der Heimat sein wollte. 

Dass der Grüne Dr. Stefan Belz heute die Geschäfte der schwäbischen Stadt leitet grenzt dabei an ein Wunder, wie Lorenz Brockmann vorrechnet: „Nur 5 % aller Bürgermeister in Baden-Württemberg werden abgewählt. Nur drei, mit dir, von etwa 100 Oberbürgermeistern im Ländle haben ein grünes Parteibuch. Die besten Chancen haben immer noch Amtsinhaber oder Verwaltungsfachleute von Außen.“ – „Mich dürfte es eigentlich gar nicht geben.“, ergänzt Stefan Belz. Und doch schlug er am 4. Februar 2018 mit 51,3 % im ersten Wahlgang den Amtsinhaber der CDU. Dabei gab es insgesamt vier Kandidaten. Nun, wie gelang ihm die Sensation? Vor allem natürlich durch das starke Team, das anfangs aus seinem Partner und einer befreundeten Grafikerin bestand und während des Wahlkampfs immer größer wurde.

Wichtig war für ihn bei allem die Strategie, die er mit Lorenz Brockmann und plus X ausgearbeitet hatte, sagt Stefan Belz, da es so einen sicheren Plan gab, auch wenn die Zeiten unruhiger wurden. „Es ist wie beim Hausbau: am Anfang sieht man noch nichts, aber dann kommt der Keller, die Wände, das Dach, die Fenster und man weiß genau wo alles hingehört. Von den Strukturen, die wir damals geschaffen haben, profitieren wir im Ortsverband heute im Kommunalwahlkampf immer noch. So einen strukturierten Wahlkampf kenne ich von uns Grünen eigentlich gar nicht.“, schmunzelt Belz. Als weiteren Faktor nennt er den Tür-zu-Tür-Wahlkampf, der ihm nachweislich – plus X ließ diesen Teil des Wahlkampfes wissenschaftlich begleiten – 1 % mehr Stimmen brachte, ohne die es knapp für den Böblinger geworden wäre.

Fahrt nahm der Wahlkampf erst richtig mit der Kandidatenvorstellung der Stadt auf, denn hier konnte sich Stefan Belz deutlich von den anderen Kandidaten abheben. „Man kann die Wahl an so einem Abend nicht gewinnen – aber man kann sie verlieren.“, so Lorenz Brockmann, der mit seinem Team schon über 35 Wahlkämpfe begleitet hat. Dass es im ersten Wahlgang klappt, hatte allerdings niemand für möglich gehalten. Und so liegen immer noch kartonweise Wahlprogramme bei Belz Zuhause, die für die heiße Phase vor der Stichwahl gedacht waren. Aber das Papier ist nicht für die Tonne: „Ich schaue gerne in meine 42 Ziele und Vorhaben aus dem Wahlkampf, denn das ist die Richtschnur, was ich umsetzen möchte. Alle Projekte davon haben momentan entweder den Stand ‚läuft an’, ‚in Planung’ oder ‚in Umsetzung’.“

Stefan Belz versteht seine Rolle als Oberbürgermeister dabei vor allem als Moderator, Initiator, aber natürlich auch Entscheider. Er nimmt alle Anliegen auf, macht aber keine vorschnellen und falschen Versprechungen. „Wenn mich die ältere Dame beim Einkaufen antippt und fragt, wie es mit dem Zebrastreifen oder der Ampel in der oder der Straße aussieht, dann kann ich ihr das nicht zusagen. Ich nehme das Anliegen auf, lasse prüfen, ob das möglich ist und entscheide dann.“ Stefan Belz ist sich seiner Rolle nach einem Jahr im Amt sehr bewusst: „Wenn ich aus der Haustür gehe, dann bin ich Oberbürgermeister.“

Zum Schluss hatte Dr. Stefan Belz noch eine Überraschung für Lorenz Brockmann dabei: einen Algenriegel, der aus seinem Projekt hervorgegangen und mittlerweile auf dem Markt ist. Im Gegenzug schenkte der Leiter der Akademie ihm ein eingerahmtes Foto von Stefan Belz, Lorenz Brockmann und Boris Palmer, das nach der gewonnenen Wahl entstanden ist. Der grüne Oberbürgermeister der nahegelegenen Universitätsstadt war am Wahlabend nach Böblingen gefahren und ließ sich auch „Brockmann trifft…“ nicht entgehen. Nach dem Plausch von Wahlkampfstratege und Oberbürgermeister war noch Zeit für Butterbrezeln und nette Gespräche in der Neuen Akademie, bevor sich Dr. Stefan Belz in seinem Brennstoffzellenauto wieder auf den Weg nach Böblingen machte.